Sodele, das ist nun die erste Schwarte vom Lesestapel 2026. Gerade die 555 Seiten zu Ende gelesen, noch ganz voll vom Leben eines ziemlich unsympathischen Knackers. Den Hamlet hab ich schon 9 Jahre im Regal steh'n. Der sprang mir beim Flohmarkt vorm Schöneberger Rathaus entgegen, denn die gelben März Verlag Umschläge kann man nicht übersehen. Oh, was jetzt Quatsch ist, denn mein Buch hatte gar keinen Umschlag mehr; hm anyway, dann war es wohl der Titel der mich verleitet hat. Egal, es war also schon angelesen, als ich das Buch nun wieder hervorkramte. Ich lese fast nur engl.sprachige Sachen, aber jetzt hatte ich mal wieder Bock auf was Deutsches UND Autobiografisches.
Aber WARNUNG, so was kann nicht jeder ab, denn Fäkalsprache oder sexistische Bemerkungen bzw permanente Vögelei, da steh'n nicht viele drauf. Ich find's unheimlich lustig, denn WIE der Kuper so emotionslos die Dinge betrachtet, die Leute beschreibt während alles eigentlich unheimlich dramatisch abgeht, also für mich ist der äusserst unterhaltsam. 15 Seiten pro Tag hab ich mir ja dieses Jahr vorgenommen zu lesen, ich internet-verseuchte, faule Socke, aber beim Hamlet hab ich in den letzten 9 Tagen durchschnittlich 36 Seiten geschafft. Und es hat mir leid getan, dass es zu Ende ging.
Wahrscheinlich ist es von Vorteil, vor 1970 geboren zu sein, um überhaupt Interesse an diesem Nachkriegsleben zu haben, um sein für heutige Zeiten macho-mässiges, oft kriminelles Verhalten nachzuvollziehen. Dieser Kuper, der hat sich halt gerne mit Halbseidenen des Frankfurter Bahnhofsmillieu eingelassen, hat in Sachsenhausen gesoffen wie ein Loch, hat Autodiebstähle begangen, ist deswegen im Knast gelandet, hat miese Jobs gehabt, sich dauernd mit Huren eingelassen, irgendwann Drogen konsumiert, Leute reingelegt und und und. Einmal ist er sogar in einen Prostituiertenmord verwickelt. Der Kerl ist wirklich kein Sympathieträger. Und trotzdem oder deshalb? fand ich es nicht abstossend. Der war halt total authentisch, wie der so alles betrachtete. Sein Vater war SPDler, im Krieg schwer drangsaliert, der ist dann nach Ost-Berlin rüber, hat seine Frau im Haus zurück gelassen. Man erfährt anfangs Peters Kriegskindheit, als sie zur Oma nach Rothenburg ob der Tauber fliehen mussten, wo erst SS Leute sich bei denen einquartierten und später eine Einheit black American GIs einrollten, das hat den Peter total fasziniert. Und in Frankfurt, wo es ja auch von GIs wimmelte, war er immer auf Amischlitten heiß, deshalb hat die mal gern entwendet.
FAZIT: Für mich war das Wichtigste beim Hamlet-lesen aber dieses Gesamtbild eines echt verkorksten Nachkriegsdeutschlands, wo nicht nur die Häuser in Trümmer lagen, sondern die Menschen ebenso kaputt waren, das aber permanent gedeckelt wurde. Es ist einerseits ein trauriges Buch, gerade im Hinblick auf die Lage der Frauen, und Hamlets Idiotie, aber gleichzeitig halt tierisch lustig durch diese grotesken Situationen. Wie der zB den Sex beschreibt, da dürfen die Leser nicht zimperlich sein, das würden heute keine jungen Frauen mehr lesen können, verständlicher Weise. Ich geb's zu, mich hat's oft zum Lachen gebracht, weil der das so absolut schamlos erzählte. Gleichtzeitig aber hart zu lesen, wie sich bestimmte Männer sich die Mädchen gegenseitig zuspielen, wollen wirklich nur das eine. Man sieht es heute genauso, man denke an Jeffrey Epstein oder der Fall der vergewaltigten Französin, die gerade mit ihrem Gerichtsfall gegen den Ehemann in den Nachrichten zu sehen ist. In "Hamlet" geht's auch ganz viel ums Geldverdienen, überleben, wie jeder versucht, das große Ding zu drehen. Er beschreibt seine Schlosserlehre, die er im Knast begann, den Bürojob danach, die Teppichverkäufe, wie ihn das alles ankotzt, und am Ende, als er tatsächlich verheiratet ist, beschreibt er sehr genau seine Stammgäste und das Putzen der versüfften Gästetoiletten im Bad Hombuger Lokal, was er mit seiner Frau übernommen hat. Eklig aber echt zum Piepen. Tja, wer's abkann. Literatur ist das nicht. Autobiografie muss schliesslich nicht literarisch sein. Aber Jörg Schröder hatte schon den richtigen Riecher, als er Hamlet zum 1.Mal traf und dachte ' der ist entweder komplett blöd, oder das ist 'n Typ'. Peter Kuper war auf jeden Fall ein Typ und zwar einer mit 'nem Mordsgedächtnis. (gestorben 2008).

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