Dienstag, 24. Februar 2026

3 Meister Timpe

 

Zur gleichen Zeit wie ich  die Fleischhauer Kolumnen in"How Dare YOU?" (2) lese, beackere ich diesen 19.Jahrhundert Oldie. Warum hab ich mir dieses Büchlein einmal mitgenommen? Naja, klar, weil's in Berlin spielt. 1888 ist der "Sozialroman" von Max Kretzer (1854- 1941) herausgekommen. Nachdem ich HAMLET (1) ziemlich schnell weggelesen hab, ist diese Story vom Drechslermeister Johannes Timpe schon 'ne andere Nummer. Das damalige Deutsch flutscht nicht so, wie die "freie Schnauze" vom Peter Kuper. Mein Lesepensum ist recht runtergweirtschaftet. Waren es beim "Hamlet" durchschnittlich 40-50 Seiten täglich, puh, raffe ich mir beim Kretzer nur zu 10 auf. Das sind halt arg lange Sätze und die Handlung ist nun nicht gerade aufregend. Es geht um eine Handwerksfamilie im östl. Stadtteil (heute ungefähr Ecke Strausberger Platz) und deren Generationsprobleme. Gustav, der fast blinde Opi, der einmal das Haus gekauft hatte, sehnt sich nach der "guten alten Zeit". Johannes, sein Sohn, leitet den Holzbetrieb, den er gerne an seinen einzigen Sohn Franz weitergeben möchte. Der ist aber eher vom Typ Finger-nicht-schmutzig-machen, hat eine Kaufmannslehre bei einem aufstrebendem Fabrikanten begonnen, und träumt davon, selbst einmal Fabrikdirektor zu werden. Genau die Fabriken, die den Handwerkern ihre Jobs wegrationalisieren. Tja, thematisch somit durchaus Neuzeitstoff. Nun hat Franz`Boss, Herr Urban, die Dame vom Nachbargrundstück geheiratet und versucht, Johannes sein Grundstück abzuschwatzen, um seine Fabrik größer zu machen. Franz wäre es nur recht, Opa Gustav ist erbost darüber, während Johannes hin und her schwankt, denn er tut alles für den verwöhnten Sohn, und freut sich eigentlich, dass Franz "was Besseres" wird.... Tja, mal schauen, ob ich diese Schwarte zu Ende bringe.... Erstmal lieber Buch 2 beenden.... Fazit: ich hab's leider nicht durchgehalten bis ans Ende. Too slow die Story, bin internet-geschädigt. Ein böse Ende war vorauszusehen, hier wie dort.

Montag, 16. Februar 2026

2 Der Kolumnist

 

Buch 2 aus dem Stapel für 2026 --
Für'n Euro hab ich dieses Buch mal in der Bremer Zentralbibliothek ergattert. Ist 2020 herausgegben, aber im Mai 2021 lag das schon in der Flohmarktecke. Echt gruselig, wie viel Geld die Bibliotheken raushau'n, nur um es dann ruckzuck wieder auszusortieren. Hab das in Bremen natürlich schon brieflich angeprangert.        

Was ich gar nicht abkann sind deutsche Bücher mit englischen Titeln, aber bei dem Preis musste ich zuschlagen. Man hätte das Werk ruhig "Wie können Sie es wagen!" nennen können. Oder noch besser "Wage es ja nicht!" :-)  Ich hatte vom Fleischhauer, der mein Jahrgang ist,  schon mal irgendwo gehört. Damals war er beim Spiegel Online, jetzt sieht man ihn ab und an im 'Welt TV' als Meinungsmacher/ Kommentator.  Allein das Vorwort von How Dare You- "Über Glanz und Elend des Kolumnisten"- ist ein Wiederlesen wert, denn auch diesmal hatte ich ein Buch angelesen und wieder ins regal gestellt. Wer den Jan so garnicht kennt, springt gleich ans Ende vom Buch zum Nachwort des Spiegel Kollegen Stefan Kuzmany.   Alles Weitere 300 Seiten davor....

Übrigens lese ich nebenbei, weil nur Kolumne-Lesen doch recht öde ist, den kleinen Roman "Meister Timpe", ein Sozialroman aus dem Berliner Handwerksmilieu von 1888 vom Vielschreiber Max Kretzer. Kennt kein Mensch;  das kleine Büchlein lag mal in irgendeiner Telefonzelle. Als Berlin-Wohnhafte mag ich mir  gern vorstellen, wie diese Hauptstadt vor 150 Jahren tickte. Mehr dazu aber in Post 3.

20.02.   Sodele, nach 100 Seiten Fleischhauer, kann ich schon mal ein kleines Fazit ziehen: es handelt sich bei diesem Buch um Texte, die er von 2012 bis 2020 geschrieben hat. (Der Schwarze Kanal) Insgesamt 60 Kolumnen.  Gut verdaulicher Stoff, 3 Seiten maximal für ein Thema. Ebenso vorhanden sind aber 7 Interviews mit interessanten Leuten, die er zu 'current events' befragt. Das Meiste entstand vor Corona, somit ist schon eine gewisse Distanz zu Vielem. Oft geht es um "Linkes" und "Rechtes" Denken. Wie es für einen guten Kolumnisten üblich ist, schreibt er teils provokant, teils gegen den Mainstream, immer ironisch zu tagesrelevanten Themen. Ja, diese Art von Buch hat sich somit recht schnell überholt. Manches hab ich übersprungen zB. wie Bettina Wulff spricht, oder Lego als Kriegsspielzeug oder Impfgegner. Sehr interessant war aber sein Interview mit dem Kollegen Deniz Yücel über Polemik im Journalismus und dem Kollegen Jakob Augstein.  23.03. FAZIT: Endlich geschafft. Im 8-Tage-Urlaub hatte ich es nicht dabei, zu unromantisch in Neapel über deutsche Befindlichkeiten zu lesen.  Für mich war das Buch hilfreich, bestimmte Medienleute und andere für mich Unbekannte kennenzulernen, die in D mit Meinungsmache zu tun haben. Ich hatte bisher immer zu wenig Durchblick, wer wer ist. Da ich aufgehört habe, Zeitung zu lesen und nicht bei Twitter bin, kann ich eben über vieles nicht mitreden. Auch nicht schlimm. Klar ist, das Fleischhauer zu den rechten Demokraten gehört, der vieles bei den Linken anprangert. Er kritisiert aber in beide Richtungen. Gefällt mir. Ist ne Altersfrage. Nur ein ganzes Buch Kolumnen? Die sind in einer Zeitung oder Zeitschrift besser aufgehoben.

Sonntag, 15. Februar 2026

1 Der Hessische HAMLET

 

Sodele, das ist nun die erste Schwarte vom Lesestapel 2026. Gerade die 555 Seiten zu Ende gelesen, noch ganz voll vom Leben eines ziemlich unsympathischen Knackers. Den Hamlet hab ich schon 9 Jahre im Regal steh'n. Der sprang mir beim Flohmarkt vorm Schöneberger Rathaus entgegen, denn die gelben März Verlag Umschläge kann man nicht übersehen. Oh, was jetzt Quatsch ist, denn mein Buch hatte gar keinen Umschlag mehr; hm anyway, dann war es wohl der Titel der mich verleitet hat. Egal, es war also schon angelesen, als ich das Buch nun wieder hervorkramte. Ich lese fast nur engl.sprachige Sachen, aber jetzt hatte ich mal wieder Bock auf was Deutsches UND Autobiografisches. 
Hamlet ist ein Spitzname für den Frankfurter Tunichtgut Peter Kuper, Baujahr'36, der mit Lebensanekdoten nur so um sich schiesst. Der März Verleger Jörg Schröder, der zwar aus Berlin stammte, aber in Hessen gelandet war und Kuper zufällig in den 70er Jahren in einer Kneipe traf, hat persönlich den ganzen Reibach während eines Frankreich Trips mit Kuper auf Tonband aufgenommen. Tja, so'n Leben wie Kuper es geführt hat, oha, da kommt was zusammen. Wer Schröders eigene Lebensgeschichte in "Siegfried" gelesen hat, die genauso verrückt wie die von Kuper ist, erkennt natürlich gleich eine ähnliche Stimmlage. Frei nach Schnauze, kodderich, die Gedanken fliessen ungefiltert, so geht das unaufhörlich, und so mag ich es am liebsten. Die ganze Hamlet Chose findet so zwischen 1940 und '75 statt.

Aber WARNUNG, so was kann nicht jeder ab, denn Fäkalsprache oder sexistische Bemerkungen bzw permanente Vögelei, da steh'n nicht viele drauf. Ich find's unheimlich lustig, denn WIE der Kuper so emotionslos die Dinge betrachtet, die Leute beschreibt während alles eigentlich unheimlich dramatisch abgeht, also für mich ist der äusserst unterhaltsam. 15 Seiten pro Tag hab ich mir ja dieses Jahr vorgenommen zu lesen, ich internet-verseuchte, faule Socke, aber beim Hamlet hab ich in den letzten 9 Tagen durchschnittlich 36 Seiten geschafft. Und es hat mir leid getan, dass es zu Ende ging.          

Wahrscheinlich ist es von Vorteil, vor 1970 geboren zu sein, um überhaupt Interesse an diesem Nachkriegsleben zu haben,  um sein für heutige Zeiten macho-mässiges, oft kriminelles Verhalten nachzuvollziehen. Dieser Kuper, der hat sich halt gerne mit Halbseidenen des Frankfurter Bahnhofsmillieu eingelassen, hat in Sachsenhausen gesoffen wie ein Loch, hat Autodiebstähle begangen, ist deswegen im Knast gelandet, hat miese Jobs gehabt, sich dauernd mit Huren eingelassen, irgendwann Drogen konsumiert, Leute reingelegt und und und. Einmal ist er sogar in einen Prostituiertenmord verwickelt. Der Kerl ist wirklich kein Sympathieträger. Und trotzdem oder deshalb? fand ich es nicht abstossend. Der war halt total authentisch, wie der so alles betrachtete. Sein Vater war SPDler, im Krieg schwer drangsaliert, der ist dann nach Ost-Berlin rüber, hat seine Frau im Haus zurück gelassen. Man erfährt anfangs Peters Kriegskindheit, als sie zur Oma nach Rothenburg ob der Tauber fliehen mussten, wo erst SS Leute sich bei denen einquartierten und später eine Einheit black American GIs einrollten, das hat den Peter total fasziniert. Und in Frankfurt, wo es ja auch von GIs wimmelte, war er immer auf Amischlitten heiß, deshalb hat die mal gern entwendet.

FAZIT: Für mich war das Wichtigste beim Hamlet-lesen aber dieses Gesamtbild eines echt verkorksten Nachkriegsdeutschlands, wo nicht nur die Häuser in Trümmer lagen, sondern die Menschen ebenso kaputt waren, das aber permanent gedeckelt wurde. Es ist einerseits ein trauriges Buch, gerade im Hinblick auf die Lage der Frauen, und Hamlets Idiotie, aber gleichzeitig halt tierisch lustig durch diese grotesken Situationen. Wie der zB den Sex beschreibt, da dürfen die Leser nicht zimperlich sein, das würden heute keine jungen Frauen mehr lesen können, verständlicher Weise. Ich geb's zu, mich hat's oft zum Lachen gebracht, weil der das so absolut schamlos erzählte.  Gleichtzeitig aber hart zu lesen, wie sich bestimmte Männer sich die Mädchen gegenseitig zuspielen, wollen wirklich nur das eine. Man sieht es heute genauso, man denke an Jeffrey Epstein oder der Fall der vergewaltigten Französin, die gerade mit ihrem Gerichtsfall gegen den Ehemann in den Nachrichten zu sehen ist. In "Hamlet" geht's auch ganz viel ums Geldverdienen, überleben, wie jeder versucht, das große Ding zu drehen. Er beschreibt seine Schlosserlehre, die er im Knast begann, den Bürojob danach, die Teppichverkäufe, wie ihn das alles ankotzt, und am Ende, als er tatsächlich verheiratet ist, beschreibt er sehr genau seine Stammgäste und das Putzen der versüfften Gästetoiletten im Bad Hombuger Lokal, was er mit seiner Frau übernommen hat. Eklig aber echt zum Piepen. Tja, wer's abkann.  Literatur ist das nicht. Autobiografie muss schliesslich nicht literarisch sein. Aber Jörg Schröder hatte schon den richtigen Riecher, als er Hamlet zum 1.Mal traf und dachte ' der ist entweder komplett blöd, oder das ist 'n Typ'. Peter Kuper war auf jeden Fall ein Typ  und zwar einer mit 'nem Mordsgedächtnis. (gestorben 2008).