Montag, 30. März 2026

6 Platte Formen

 

Keine Ahnung, wie lang dieses Taschenbuch schon bei mir im Regal steht.  Es war auch ursprünglich nicht auf dem Lesestapel 2026;  da sind aber nachträglich einige Werke rausgeflogen. Ich hab auch keine Ahnung wann und wo das Buch zu mir fand, auf jeden Fall ein Bücherschrank- oder Flohmarktgriff.  Will sagen: hat nichts gekostet. Michel Houllebecqs Buch PLATTFORM (da ich es in Englisch lese,  mit 1 T weniger) wurde 2001 veröffentlich und ist Houllebecqs dritter von bisher 8 Romanen. Wahrscheinlich wollte ich mal wissen, wer dieser hässliche, französische Vogel ist und wieso er eine Weile dauernd in der Presse erschien. Das waren wohl seine rassistischen Bemerkungen auch gegen Muslime und so. Na gut. Also Platform. 362 Seiten. Ich steh zwar nicht mehr so wie früher auf ICH-Romane, weil's dann immer irgendwie doch ein Autorenschinken ist, halb Memoiren halb Möchtegern. Aber in dem Fall ist mir das egal, wenn der Protagonist Houellebecq selbst ist. Es beginnt mit dessen ungeliebtem Vater, der gerade in der Normandie verstorben ist, seinem Sohn - ungewollt- viel Geld hinterlässt, und der sich dann erstmal n Tour durch Thailand gönnt, ermattet von seinem Pariser Bürokratenjob beim Kultusminister. In Thailand dann natürlich reichlich Sex, aber er ist auch an den Mitreisenden interessiert. Auf jeden Fall n ganz schöner Macho, aber einer der interessant beobachtet. Zwischen der Handlung Paragraphen mit etwas Gesellschaftskritik. Pourquoi non? Je like. ... Sexszenen zu lesen ist ja immer so'ne Sache. Bei Peter Kuper als HAMLET (Post 1) fand ich es sehr amüsant erzählt, so ohne Allüren und Romantik. Houellebecq ist da 'ne andere Nummer, selbstverliebter vielleicht. Man wird sehen. Bin erst auf Seite  60. Mich packte die erste Seite, wo er sagt, dass man nicht unbedingt erst dann erwachsen wird, wenn  die Eltern tot sind. Nein, man wird nie erwachsen meint er, also der Ich-Erzähler (also Houllebecq, da schwör ich 'n Ei drauf). Ein weiterer Grund, dass ich dieses Buch wählte: der Viking Verlag hat es angenehm zu lesen gedruckt, anständiger Zeilenabstand, kein winziger Schrifttyp. Sehr schön für boomer Augen..... FAZIT: ich konnte es nicht zu Ende lesen, bzw bin von Seite 82 zu Seite 322 gesprungen, denn plötzlich war mir der viele Sex egal, nein nervig, und die distanzierte Art zu erzählen ging mir auf den Keks. Ausserdem mag ich Thailand gar nicht. Mittendrin ging's wohl noch mal nach Kuba, und Houllebecq schweift dann immer gerne kurz ins Geschichtlich-Georgrafisch-Politische ab, ok, nur irgendwie fehlte doch der Plot. Das Ende ist lakonisch dramatisch. Wer jung ist, mag dieses Buch sicher lieber, als ne olle Boomerin. Interessant waren die amazon reviews, von 1 bis 5 Sternen war alles dabei. Jedem Tierchen sein Plaisierchen

Dienstag, 24. März 2026

5 New York City mit Dichteraugen

 

So, die Fleischhauer Kolumnen sind endlich geschafft (siehe post #2), da greif ich mir vom 2026er Lesetapel gerne etwas leichtere Kost. Nicht dass ein Leben im Exil mit wenig Geld ein Leichtes wäre, aber 92 Seiten mit vielen Grafiken (von Gertrude Degenhardt) und Gedichten, das flutscht besser als politische Kolumnen. 

Da hätten wir also zwei Aufsätze von der beliebten Dichterin MASCHA KALéKO vereint in dem dtv Büchlein "Der Gott der kleinen Webefehler". Kaleko emigrierte 1938 in die USA, lebte dort mit Mann und Sohn bis 1966 (manche google-Antworten sagen bis 1959?) Die Aufsätze "Lower Eastside" und "Greenwich Village" wurden 1963 für eine Stadtserie des NDRs (Beschreibungen einer Stadt) gedruckt. Die kleine dtv Ausgabe veröffentlicht hier auch einen Vortrag von Mascha, den sie 1956 bei ihrem 1.Besuch zurück in Deutschland vortrug.  Zum Schluß gibt es noch eine Beschreibung Horst Krügers über ein Treffen mit ihr 1974...                      Stadtbeschreibungen zu lesen sind sicherlich weniger spannend, wenn man selbst noch nie dort gewesen ist. Ich war zwar viele Male in NYC , kenn aber nur Greenwich Village. Bin mal bei Eiseskälte in Chinatown und im East Village rumgetapert, doch die Lower Eastside liegt nun mal genau dazwischen.  Es ist eh alles kein Vergleich zu 60, 70 Jahren nach Kalékos Zeit.  Ihr kleine Anekdoten beschreiben die jüdischen Immigranten. "Jews without Money".  Viele davon als Schneider tätig, wobei sich der Titel mit den Webefehlern auf minderwertige (=billige) Stoffe, Kleidung bezieht, die es in den kleinen Läden auf der Lower Eastside damals zuhauf gab.

Ach, da fällt mir gerade der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf ein, ja, der wanderte 1938 auch in den Big Apple aus; auch er lebte fast 30 Jahre dort. 

Allerdings trennten die beiden 10 Meilen, denn Graf wohnte ganz oben im Norden von Manhattan. Er lief in Lederhosen rum, konnte kein Englisch, gründete einen deutschen Exil-Stammtisch.  Oskars Buch handelt zwar von seinem Leben, er verpackt es aber als Roman mit der Hauptfigur Martin Ling, der sich einfach nicht amerikanisieren mag und sich nur in deutschen Kreisen aufhält. In sofern ist "Die Flucht ins Mittelmässige" (1959- mit 590 Seiten!)  schon richtige Exilliteratur, während die Essays von Mascha nur kleine Beschreibungen ihrer Umwelt sind. Anyway, dieses Büchlein wird ruckzuck verschlungen. ... So 26.03.... Fazit: muss man auch als New York Fan nicht gelesen haben. Man erfährt dabei nichts über Mascha, es sind reine Momentaufnahmen vom Straßenbild. In der Lower Eastside geht es um das Leben der jüdischen Einwanderer, in Greenwich Village eher um Touristeninfo, wo was ist. Sie erklärt zB, wie man diesen Stadteil ausspricht:  grinnitsch willidsch. Lustigerweise erwähnt sie tatsächlich Oskar Maria Graf (auf S.59) und seinen Stammtisch, der anfangs im Village stattgefunden hat.  

Mehr zur Maschas Geschichte Greenwich Village damals

Mehr zum Exil Stammtisch von Graf: Stammtisch

Samstag, 14. März 2026

4 Therapienotizen

 

So, Meister Timpe nicht zu Ende gelesen, weil zu archaisch, die Fleischhauer Essays nicht mit in den Urlaub genommen, und die Short Story von FG Fitzgerald (The Diamond as big as the Ritz) auch nach 8 Seiten beiseite gelegt. Geduld ist nicht meine Stärke. Irgend jemand im internetz sagte neulich, man soll einem Buch folgende Chance geben : 100 Seiten minus dein Alter. Also für mich mindestens 36 Seiten ausprobieren, bevor man NIET sagt. Klappt halt nicht immer. Es gilt, je älter man wird, desto weniger Lebenszeit mit Mist verschwenden (auch wenn es wahrscheinlich kein Mist ist, aber es trotzdem nicht gefällt).  In Neapel gibt es die berühmte Feltrinelli Buchhandlung, die göttinseidank, auch englische Bücher verkauft. Dort fand ich dann die "Notes to John" von Joan Didion dessen Stil ich sehr mag. Sie schreibt super Essays, ist bekannt geworden mit ihren Beobachtungen der Hippiezeit in Kalifornien und später durch ihren Bericht über den Verlust von Ehemann und Tochter.  Die "Notes" sind ihre Notizen an den Ehemann, den Schriftsteller John Dunne, gerichtet, die sie nach Psychiater Sitzungen schrieb und vor allem von den Schwierigkeiten mit dem Alkoholismus ihrer erwachsenen Adoptivtochter handeln. Nun könnte man meinen "was geht mich deren Familienprobleme an?", stimmt, und es ist teils auch etwas nervig zu lesen, denn sie spricht zwar direkt Ihren Mann mit 'you' an, erzählt aber was der Psychologe oder sie selbst oder die Tochter oder John dann und dann zu dem und dem Thema geäussert haben.  Kann für den Leser etwas durcheinander gehen. Trotzdem, wer selbst Probleme mit erwachsenen Kinder hat, wird in ihren Notizen viel Interessantes erfahren, denn ihr Psychologe macht sehr hilfreiche Kommentare über allgemein menschliches Verhalten und Beziehungsfragen zwischen Eltern und Kindern.  FAZIT:  Die NOTEs bieten viel Stoff zum Nachdenken. Wer gerade selbst Therapiesitzungen erlebt, erkennt vielleicht, ob sein Therapeut gut oder nicht so fit ist.  Auch Partnern von Alkis können bestimmt vom Buch profitieren. Wer allerdings bisher noch gar nichts von Joan Didions Familie / ihrem Leben gehört hat, für den wäre das Buch auch unter eben genannten Aspekten kein Gewinn.  Und wer übrigens in Neapel lieber Neapel Bücher liest, kann  Elena Ferrantes "Meine Geniale Freundin" und deren  3 Folgeromane lesen. Jedem Tierchen sein Plaisirchen.