Sonntag, 3. Mai 2026

10) Kleider machen Leute

 

Tja, der  Kinky Friedman (Post 9) musste tatsächlich Gottfried Keller weichen. Welcher Teufel hat mich da geritten? Ich hatte die Novelle von 1874 "Kleider machen Leute" , ein sogenannter Klassiker deutschsprachiger Literatur, in der Schule nie gelesen. Da ich aber neulich eine Diskussion mit meinem 18-Jährigen Enkel über das Thema hatte - mehr Respekt durch bessere Kleidung; besser als Jogginghosen zB-  dachte ich, nun sei es an der Zeit, sich einmal diesem kleinen Werk von 62 Miniseiten (im Reklamverlag natürlich) zu widmen. Und ich war baff, wie SPANNEND sich diese Geschichte in Windeseile entwickelte, und ich sie einfach nicht beiseite legen konnte. Eine seltene Angelegenheit. Ja, wenn ein junger Schneider in der Schweiz durch einen Zufall in die Kutsche des Grafen Strapinski steigen kann (ohne den Grafen), der , wie wir erst später erfahren selbst Strapinski heißt, heiliger Bimbam, dann kann der Leser was erleben. Denn Schneiderlein trägt auch noch einen ungewöhnlich edlen Mantel und eine besondere Mütze, so dass er beim Aussteigen am nächsten Gasthof doch glatt für den Grafen persönlich gehalten wird. Na, und was dann passiert, das könnt ihr gerne selber lesen. Trotz des altmodischen Deutsch' sehr gut zu lesen. Eine wahre Freude. Dass Keller (1819 -1892) Züricher war, wusste ich nicht. Und dass diese Novelle ein Teil einer ganzen Serie von Novellen der Dörfer Seldwyla und Goldach war, wurde ebenfalls erst jetzt klar. Diese Geschichte könnte man wunderbar für die Jugend des 21.Jahrhunderts umschreiben, aber vielleicht hat das schon einmal jemand getan. Einfaches FAZIT: Empfehlenswert, weil das Thema reich und arm immer aktuell ist, und Verwechslungsdramen immer Zuschauer ehhh...Leser findet.

Die ersten Sätze : "An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen, reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben..."

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